Die Bucheckern-Sammlung

Als ich im Jahre 1949 mit meinen Eltern aus Mittenwald nach Fürstenfeldbruck zog, musste ich hier noch die achte Volksschulklasse absolvieren. 
Es war Herbst und die Laubbäume begannen allmählich ihre Sommergarderobe abzulegen. So traumhaft die Natur mit ihrem Farbpinsel über die Laubwälder strich, legte sich dennoch stets zu dieser Zeit eine Patina auf meine Seele: Bald werden die bunten Blätter mit ihren wunderschönen Farben am Boden liegen und es wird kahl in den Wäldern rund um Fürstenfeldbruck. Der Engelsberg, genau gegenüber unserer neu erstellten Dienstwohnung, wird dann in trüben Tagen wie ein Gespenst im Morgengrauen auftauchen, war meine Vorstellung und der sogenannte " Herbstblues" nahm von mir Besitz.

In der Schule, an der Phillipp-Weiß-Straße war es beim Kennenlernen meiner neuen Schulkameraden auch nicht gerade aufbauend. Eines Montag Morgens - unser in Ehren ergrauter Lehrer und nicht gerade eine Frohnatur - sprach uns an, dass der zuständige Jagdverband die Schulen bittet, für das Wild im Winter Bucheckern sammeln zu lassen. Jeder von uns Schülern solle in seiner Freizeit eine Tüte Bucheckern sammeln und bis nächsten Montag beim Lehrer abgeben. Die Lust hierzu tendierte bei mir wieder einmal gegen Null, da ich Fußballspielen als wichtigere Betätigung ansah. So reifte in mir wiederum ein Plan, der mir meiner Freizeit am Tage nicht im Wege stand.

Es war abends, die Eltern hatten sich mit Freunden getroffen und ich war allein zu Hause. So suchte ich in der Büchersammlung meiner Schwester ein ziemlich zerfleddertes Buch und schnitt an allen Seiten die unteren Ecken weg, die ich sammelte und in eine Tüte stopfte. Buchecken hatte ich nun als Fleißaufgabe. Schmunzelnd stellte ich mir vor, wie unser Lehrer Berhold (Name geändert) wohl reagieren würde.

Dann kam besagter Montagmorgen acht Uhr. Die meisten Schüler standen bereits am Lehrerpult um ihre gesammelten Bucheckern abzugeben. Um meinen Auftritt eine gewisse Aufmerksamkeit zu geben, wartete ich bis die letzten Kameraden zu ihrer Schulbank gingen. Als ich die Tüte Herrn Berhold hin hielt, wäre mir lieber gewesen, ich hätte alles rückgängig machen können, denn die knallrote Gesichtsfarbe Herrn Berholds ließ nichts Gutes ahnen. " Was fällt Dir ein, für solche Scherze bin ich nicht zu haben. Setz dich! Bis morgen zwanzigmal: Ich habe für die Schule echte Bucheckern zu sammeln." Er lehrte die Tüte aus und die Klasse tobte, was die rote Gesichtsfarbe Lehrer Berhold noch dunkler erscheinen ließ.

Das anerkennende Schulterklopfen meiner neuen Schulkameraden während der Pause gab meinem Ego einen gehörigen Schub und ich kam mir vor, als hätte ich eine Heldentat begangen. Dieser Spaß war mir die aufgebrummte Strafarbeit wert, denn fortan war ich bei meinen neuen Schulkameraden anerkannt.

Ich war halt ein Lausbub, der mir bis heute im hohen Alter immer noch den Humor erhalten ließ.

 

(Foto: DerWeg auf Pixabay)





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