„50 Jahre Olympia-Attentat 1972“ - Erinnerung an die Opfer

Der Terroranschlag während der Olympischen Spiele 1972 in München jährt sich 2022 zum 50. Mal: In Erinnerung an die zwölf Getöteten, widmen sich Institutionen aus München und Fürstenfeldbruck jeden Monat einem Opfer, seinem Leben und seinem Schicksal.

Januar: David Berger, Gewichtheber
Februar: Anton Fliegerbauer, Polizist 
März: Ze'ev Friedman, Gewichtheber
April: Yossef Gutfreund, Ringer-Schiedsrichter
Mai: Eliezer Halfin, Ringer
Juni: 
Yossef Romano, Gewichtheber
Juli: Amitzur Shapira, Leichtathletiktrainer
August: Kehat Schor, Trainer Sportschützen

September: Mark Slavin, Ringer

Mark Slavin Foto: privat


Auf der Informationstafel vor dem Museum Fürstenfeldbruck wird das Leben von Mark Slavin wie folgt skizziert: Seine Familie kam ursprünglich aus dem damals sowjetischen Minsk. Der Großvater, ein Weltkriegsveteran und begeisterter Gewichtheber, betrieb dort seit Ende des Zweiten Weltkriegs einen Friseursalon. Mark wurde am 31. Januar 1954 als erster Sohn der Familie Slavin geboren. Die Mutter arbeitete im Friseursalon des Großvaters, der Vater war beim Fernsehen angestellt. Es sollten noch drei jüngere Geschwister folgen.

Von einem Ringkampf in den Straßen von Minsk war der Neunjährige so fasziniert, dass ihn der Großvater gegen den Willen der Mutter zu einem professionellen Ringertraining mitnahm. Unterstützt vom Sportlehrer, wurde Ringen zu Marks größten Leidenschaft. Aufgrund seiner außerordentlichen Begabung wurde er in einer staatlichen Sport-Eliteschule gefördert und trainiert. Mit 17 Jahren war er der jüngste russische Champion im griechisch-römischen Ringen im Mittelgewicht (bis 84 kg) und die  große Hoffnung der UdSSR auf eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1972 in München.

Als gläubiger Jude hatte Mark Slavin sehr mit dem in der Sowjetunion herrschenden Antisemitismus zu kämpfen. Er schloss sich der jüdischen Protestbewegung an und wurde für kurze Zeit verhaftet. Nachdem er Anfang 1972 seinen Ausreiseantrag nach Israel gestellte hatte, wurde Mark Slavin für weitere Wettkämpfe gesperrt, seine Siege in Russland wurden ihm aberkannt.

Im Mai 1972 verließ er mit seiner Familie Minsk, um nach Israel auszuwandern. Niemand von ihnen sprach hebräisch.Der Großvater, die Eltern, Bruder und Schwester und weitere Familienmitglieder ließen sich in Bnei Brak bei Tel Aviv nieder.

In Tel Aviv wurde Mark Slavin innerhalb weniger Wochen beim Sportverein Hapoel zur israelischen Olympiahoffnung. Am Wingate Sportzentrum in Netanja trainierte er bei Moshe Weinberg. Um die Olympiateilnahme für Israel zu ermöglichen, gab es durch die Knesset ausnahmsweise eine „Expresseinbürgerung“.

Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen ging ein Lebenstraum des jungen Sportlers in Erfüllung. In München angekommen, besuchte er die KZ-Gedenkstätte in Dachau und die Münchner Synagoge. Am Abend des 4. September verzichtete er darauf, mit seinen Teamkollegen das Musical „Anatevka“ im Deutsche Theater zu besuchen. Sein Olympiadebut war auf den 5. September für 9.30 Uhr angesetzt.

An diesem Tag drangen in den frühen Morgenstunden Mitglieder der Terrorgruppe Schwarzer September in die Räume der israelischen Sportler ein. Mark Slavin wurde mit seinen Teamkollegen als Geisel genommen. Bei dem missglückten Befreiungsversuch auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck wurde der 18-Jährige als jüngstes Opfer in einem der beiden Hubschrauber erschossen.

Die grauenhafte Tat ließ seine Familie, die ihm für seinen Traum nach Israel gefolgt war, in Trauer und Verzweiflung zurück. Eine Trauer, die bis heute die Geschichte der Familie Slavin prägt.

Erinnerungsprojekt "Zwölf Monate - Zwölf Namen"

Der Ringer Mark Slavin sollte am 5. September 1972 in München sein Olympiadebüt geben. Doch soweit kam es nicht: Der 18-Jährige wurde bei dem Terroranschlag auf die israelische Sportmannschaft als Geisel genommen und bei dem missglückten Befreiungsversuch auf dem Fliegerhorst getötet. Das Museum Fürstenfeldbruck erinnert jetzt mit einer Lichtinstallation und einer Infotafel an den Sportler. Beides ist Teil des Erinnerungsprojektes „Zwölf Monate – Zwölf Namen“.

Museumsleiterin Barbara Kink trug die Geschichte seines kurzen Lebens vor. Sie hob hervor, wie wichtig es sei, den Opfern ein Gesicht und einen Namen zu geben. Dies betonte auch Carmela Shamir, Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland. Sie bezeichnete die Art, wie mit dem Projekt der Opfer gedacht werde, sehr berührend.

„Fürstenfeldbruck wird für immer auf tragische Weise mit dem Attentat auf die israelischen Sportler verknüpft sein“, sagte OB Erich Raff bei der Veranstaltung vor dem Museum. Mit wachsender zeitlicher Distanz gewinne Erinnerung an Bedeutung. Die Teilnahme an dem Projekt sei der Stadt daher ein großes Anliegen gewesen.

©Daniel Schvarcz / Jüdisches Museum München


OB Erich Raff, Museumsleiterin Barbara Kink, Generalkonsulin Carmela Shamir und die stellvertretende Museumsleiterin Verena Beaucamp vor der Infotafel zum Gedenken an Mark Slavin. ©Daniel Schvarcz / Jüdisches Museum München


Konzipiert und koordiniert wird das Erinnerungsprojekt „Zwölf Monate – Zwölf Namen: 50 Jahre Olympia-Attentat München 1972“ vom Jüdischen Museum München in Zusammenarbeit mit dem NS-Dokumentationszentrum München und dem Generalkonsulat des Staates Israel. Die Umsetzung erfolgt mit verschiedenen Kooperationspartnern.

Das Programm zu den monatlichen Gedenken wird laufend aktualisiert und ist einsehbar unter www.lra-ffb.de sowie unter https://muenchen1972-2022.de

Das Jüdische Museum München begleitet das Erinnerungsprojekt auf einem Blog und auf seinen Social Media-Kanälen unter dem Hashtag #OlympiaAttentat72

Der aktuelle Stand des gesamten Programms ist hier zu finden: 
Flyer "Zwölf Monate - Zwölf Namen: 50 Jahre Olympia-Attentat München 1972"




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