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Dezember 2009 - Das Schulwesen in Fürstenfeldbruck 1933 – 1945
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von Dr. G. Neumeier

In der NS-Zeit gab es in Fürstenfeldbruck je eine staatliche Volkshauptschule für alle schulpflichtigen Jungen und Mädchen, eine städtische Berufsschule für Jungen und Mädchen, eine kirchliche Hauswirtschaftsschule – das Theresianum - und eine Kreislandwirtschaftsschule mit Internat für den bäuerlichen Nachwuchs der Region. Die Volkshauptschule für Knaben am Schulweg besuchten im Jahr 1933 insgesamt 333 Schüler, diese Schülerzahl stieg bis zum Schuljahr 1944/45 auf insgesamt 544 Kinder an, in der Volkshauptschule für Mädchen am Niederbronnerweg verlief die Entwicklung ähnlich, denn im Jahr 1937 wurden hier 343 Schülerinnen unterrichtet, während es im letzten Schuljahr vor Kriegsende schon 580 Mädchen waren, die hier zur Schule gingen




Leitbilder und Konzepte der Schulen im Nationalsozialismus


Die Schulen spielten für die Stabilisierung des NS-Staates eine entscheidende Rolle. Der Wehrgedanke wurde in den Fächern Sachkunde, Deutsch, Leibesübungen und Musik behandelt, er trug zur systematischen Kriegsverherrlichung bei. Die Fächer Heimatkunde und Geschichte wurden im Sinne einer völkisch-heldenhaften Sicht instrumentalisiert und das Fach Naturkunde war geprägt von den ideologischen Grundlagen der nationalsozialistischen Rasse- und Familienkunde sowie der Vererbungslehre.




Die Lehrer


Der nach nationalsozialistischer Vorstellung ideale Lehrer hatte mehrere Kinder, war auch außerschulisch aktiv und vertrat die weltanschaulichen Ziele des Nationalsozialismus. In Bayern waren 1936 97 % aller Lehrer Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB), hiervon gehörte ein Drittel der NSDAP an. Die Lehrerschaft in Fürstenfeldbruck kam bis auf wenige Ausnahmen nicht aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck, sondern aus dem übrigen Bayern, viele von ihnen lebten jedoch seit den 1920er Jahren in Fürstenfeldbruck und waren über Vereinsmitgliedschaften, langjährige Berufstätigkeit und persönliche Kontakte gut integriert.




Knabenschule und Mädchenschule


Der Leiter der Knabenschule war seit 1931 der Bezirksoberlehrer Otto Hegl, er war während der Weimarer Republik Mitglied des Bayerischen Lehrervereins. Hegl trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei, war bis 1936 Rektor der Knabenschule, wurde dann von diesem Posten entfernt und übernahm von 1940 bis Kriegsende die Leitung der Mädchenvolksschule, nach Kriegsende nahm der 64-jährige keine Lehrtätigkeit mehr auf.

Weitere Lehrer der Knabenschule waren Franz Herrmann, Georg Zach, Gottlieb Eberl, Joseph Mantler, Josef Aschauer und Theodor Bezold. Entscheidend für das gesamte örtliche Schulleben waren zwei entschiedene Nationalsozialisten, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten an die Knabenschule gekommen waren, Georg Gruber und Heinrich Böck.

Gruber verdankte seinen Karrieresprung im Jahr 1941, als er die Rektorenstelle der Knabenschule übernahm, vorwiegend seinem Parteiengagement, er wurde 1933 Mitglied der NSDAP sowie des Nationalsozialistischen Lehrerbundes und übernahm Funktionen an der Schnittstelle zwischen Schule und Hitlerjugend, so als HJ-Sozialreferent, als HJ-Schulobmann und HJ-Schulvertrauensmann, des weiteren war er Kreisredner, NSLB-Kreisamtsleiter, Kreisschulungsleiter der NSDAP und Kreisbeauftragter des Rassenpolitischen Amtes.

Heinrich Böck kam im April 1933 nach Fürstenfeldbruck, 1934 übernahm er das Amt des NSDAP-Ortsgruppenleiters von Bürgermeister Adolf Schorer, er wurde 1935 Ratsherr sowie Schulreferent der Stadt und kontrollierte somit die Schnittstelle zwischen Schule, Partei und Kommune. Böck war im NSLB als Schulungsverwalter und in der HJ als Bannsozialreferent aktiv.

Die seit dem Jahr 1862 von den Englischen Fräulein geführte Mädchenschule wurde seit 1929 von der Oberin Germana Schneider geleitet, die seit 1906 im Schuldienst tätig war. Aufgrund des radikalen Vorgehens der Nationalsozialisten gegen die klösterlichen Lehrkräfte an bayerischen Volksschulen vollzog sich in Fürstenfeldbruck zum 1. Januar 1937 ein vollständiger personeller Wechsel. Die Englischen Fräulein mussten die Mädchenschule verlassen, stattdessen kamen sieben von der Regierung von Oberbayern ernannte weltliche Lehrerinnen: Hauptlehrerin Helene Wecker aus München, Hauptlehrerin Anna Popper aus Bayersoyen sowie Elisabeth Schnecker aus Moosinning (u.a.).




Schulalltag und Schulausstellungen


Unmittelbar nach der NS-Machtergreifung änderte sich der Schulalltag deutlich, Bilder von Hitler und weiterer NS-Führer hingen neben dem Schulkreuz in allen Klassenzimmern der Volkshauptschulen, Symbolhandlungen wie der Hitlergruß sollten die Verinnerlichung von Ideologie und „Volksgemeinschaft“ bei den Kindern und Jugendlichen fördern.

Im Jahr 1934 sollten die Schülerinnen und Schüler der Volkshauptschulen im geschmückten Klassenraum folgender Ereignisse gedenken: Reichsgründung (18.1.), NS-Machtübernahme (30.1.), Todestag von Horst Wessel (23.2.), Heldengedenktag (24.2.), 50 Jahre Deutsche Kolonien (24.3.), Tag der nationalen Arbeit (1.5.), Muttertag (18.5.), Todestag des Ruhrkämpfers Leo Schlageter (26.5.), Sonnwendfeier (23.6.), „Schanddiktat“ des Versailler Vertrages (28.6.), Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (2.8., Gedenkfeier nach Schulbeginn im September), Tod des Schriftstellers Hermann Löns (26.9.), Erntedankfeier (30.9.), Hitlerputsch (9.11.) sowie 175. Geburtstag von Friedrich Schiller (10.11.).

Eine von Hauptlehrer Gruber organisierte Schulausstellung, die die Schülerinnen und Schüler der Volks- und Berufsschulen zum Kreistag der NSDAP in Fürstenfeldbruck 1937 vorbereiteten, trug den Titel „Die Schule der deutschen Volksgemeinschaft wirbt für den 2. Vierjahresplan“. Zum NSDAP-Kreistag in Starnberg 1938 bereitete die Schülerschaft eine umfangreiche Schau unter der Überschrift „Wie mache ich mein Volk groß und stark?“ vor, die künstlerische Ausgestaltung lag bei Ernst Crasser. Hinter den Fassaden der Ausstellungsarbeit zeigten sich die Brüche, die bei der Indienstnahme der Schule für die Partei durch die Lehrerschaft gingen, zugleich auch der hohe politische Druck, der auf den Beteiligten lag.




Abschaffung der Bekenntnisschule und des Religionsunterrichts


Der Kampf der Nationalsozialisten gegen religiöse Einflüsse auf das Bildungswesen griff ältere liberale und sozialdemokratische Kontinuitätslinien auf, war jedoch in seiner nationalsozialistischen Ausprägung rücksichtsloser und radikaler, ab Mitte der 1930er Jahre ging man zur systematischen Entchristlichung der Schulen über. Die Abschaffung der Bekenntnisschule in Fürstenfeldbruck basierte auf einer „Abstimmung“ der Eltern, 95,5% der Eltern in Fürstenfeldbruck stimmten 1937 für die Umwandlung der Bekenntnisschule in eine „Deutsche Gemeinschaftsschule“. Dieser Abstimmung war ein „propagandistischer Großangriff“ auf die Schülereltern vorausgegangen.




Schulumfeld


Während der Weimarer Republik war Schülern eine politische Betätigung im Rahmen der Schule genauso verboten wie die Mitgliedschaft in politischen Vereinen. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde dies schnell anders, denn bereits im Februar 1933 hob das bayerische Kultusministerium das Verbot der Beteiligung von Schülern an politischen Vereinen für alle NS-Organisationen wie HJ, NS-Schülerbund, BDM, Jungstahlhelm und Scharnhorst auf.

Die HJ als zentraler NS-Jugendorganisation trat in direkte Konkurrenz zur Schule als vormals einziger staatlicher Erziehungsinstanz und griff drastisch in den Schul- und Familienalltag der Kinder ein. Es kam zu häufigen Konflikten zwischen Eltern, Lehrern und HJ, denn eine Mitgliedschaft in der HJ nahm viel Zeit in Anspruch – wöchentliche Heimabende, Sportveranstaltungen, Fackelzüge, Gepäckmärsche, Lageraufenthalte, Schulungen auf Kosten des Schulunterrichts -, die auch auf Kosten des Schulunterrichts ging.

In Fürstenfeldbruck war die Sondereinheit der Flieger-HJ sehr aktiv. Im HJ-Heim an der Puchermühlstraße bauten die Kinder unter fachlicher Anleitung von Gewerbeoberlehrer Nägele Segelflugzeuge, die Flugbegeisterung der Jugend wurde gezielt zur vormilitärischen Ausbildung in Zusammenarbeit mit dem NSFK instrumentalisiert und so die Kriegsvorbereitung gefördert.




Lehrer nach Kriegsende


Heinrich Böck wurde im Spruchkammerverfahren 1949 als Aktivist (Gruppe II) verurteilt, er konnte nicht mehr im Schuldienst arbeiten, fand in Fürstenfeldbruck keine gesellschaftliche Anerkennung mehr und übersiedelte nach dreijähriger Internierungshaft nach Neu-Ulm. Georg Gruber wurde letztendlich als Mitläufer (Gruppe IV) eingestuft. Von 17 Lehrern, die sich zu Kriegsende in Fürstenfeldbruck aufhielten, wurden – abgesehen von Gruber und Böck – drei in die Kategorie V (entlastet) eingestuft, alle übrigen gingen als „Mitläufer“ aus den Spruchkammerverfahren hervor, einige infolge der Weihnachts- bzw. Jugendamnestie.

Vor allem bei den weiblichen Lehrkräften war festzustellen, dass sie sich als unpolitisch denkende Opfer des Nationalsozialismus stilisierten. So begründete die Spruchkammer Fürstenfeldbruck die Eingruppierung von Maria Hopfensberger, die Mitglied mehrerer NSDAP-Gliederungen gewesen war und als „eifrige Nationalsozialistin“ galt, als „Mitläuferin“ folgendermaßen: „Doch hat sie all das nicht aus eigenem inneren Antrieb gemacht, sondern immer nur auf einen Druck und Zwang sowohl von Parteigrößen, Ortsgruppenleitern usw. als auch ihrer Standesvertreterin als Lehrerin. (…)

Das Gesamtbild zeigt, dass die Betroffene zumindest aus einem frauenhaft verständlichen unkritischen Idealismus heraus gar nicht erkennen konnte, dass und welche Gegensätze zwischen ihrem ‚Ideal’ und der wirklichen Partei bestanden, also der typische gutgläubige ‚Mitläufer’“.


(nach Latzin, Ellen: Das Schulwesen in Fürstenfeldbruck 1933-1945. In: Kramer, Ferdinand; Latzin, Ellen (Hrsg.): Fürstenfeldbruck in der NS-Zeit. Eine Kleinstadt bei München in den Jahren 1933 bis 1945. Regensburg 2009 (= Fürstenfeldbrucker Historische Studien, Band 1)





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Stadtarchiv - Artikel von November 2009
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